Der SS-Riese, den selbst Himmler fürchtete – Kaltenbrunners dunkles Geheimnis

 

Er war z m groß, mit Narben bedeckt und   ein gefürchteter Mann.   Als Heidrich starb, fandte sich Himmler   an einen Mann, um das   Sicherheitsimperium des Reiches zu   kontrollieren. Ernst Kaltenbrunner.   In Nürnberg behauptete er nichts gewußt   zu haben. Die Akten sagten etwas   anderes.   Aber wie stieg ein unbekannter   österreichischer Jurist auf, um die   gefürchtetste Sicherheitsmaschine des   Reiches zu befehligen.

 

  Diese Geschichte beginnt nicht in den   Machtzentren Berlins, sondern in einer   bescheidenen Kleinstadt in   Oberösterreich   und endet in einem Gerichtssaal, der die   Wahrheit hinter einem der mächtigsten   Männer des Dritten Reiches aufdecken   wird.   Diese Erzählung ist nicht nur ein   Karriereauenaufstieg, es ist die   Geschichte eines Sicherheitssystems, in   dem Verantwortung mehr wuchs als   Autorität.

 

  Ernst Kaltenbrunner wurde am 4. Oktober   1903 in Ried im Innenkreis geboren,   einer Stadt im nördlichen   Oberösterreich, die damals noch zur   österreichisch-ungarischen Monarchie   gehörte.   Seine Kindheit wurde von den Ereignissen   nach dem Ersten Weltkrieg und dem   Zusammenbruch der Habsburgmonarchie   geprägt.

 

 Die Familie Kaltenbrunner   gehörte der bürgerlichen Mittelschicht   an. Sein Vater war Anwalt, was dem   jungen ernst frühen Zugang zu   juristischen Kreisen und einer soliden   Bildung verschaffte.   Nach Abschluss der Realschule entschied   sich Kaltenbrunner für ein Jurastudium   an der Karl Franzens Universität in   Graz, einer der ältesten und   angesehensten Universitäten im   deutschsprachigen Raum.

 

  Graz in den 1920er Jahren war ein   Schmelztigel politischer Ideologien.   Die Stadt, einst stolzes Zentrum der   Steiermark, l unter den wirtschaftlichen   Folgen des verlorenen Krieges.   Arbeitslosigkeit, Inflation und   politische Instabilität prägten den   Alltag.   Der junge Jura Student Kaltenbrunner   bewegte sich in diesem turbulenten Klima   zwischen deutschnationalen   Studentenverbindungen,   sozialistischen Studentengruppen und   einer wachsenden nationalsozialistischen   Bewegung.

 

  Ende der 1920er Jahre schloß   Kitenbrunner sein Jura Studium   erfolgreich ab und erhielt seine   Zulassung als Anwalt. Doch anstatt eine   traditionelle Anwaltskarriere zu   verfolgen, wurde er zunehmend von der   politischen Radikalisierung beeinflusst,   die Österreich erfasste.   Die NSDP hatte in Österreich noch keinen   legalen Status, aber ihre Anhänger   organisierten sich im Untergrund.

 

  Für junge Männer wie Kaltenbrunner,   getrieben von einer Mischung aus   Nationalismus, Antikommunismus und der   Sehnsucht nach einem großdeutschen Reich   übte die Bewegung eine starke   Anziehungskraft aus.   Im Jahr 1930 trat Kaltenbrunner der   österreichischen NSDP bei zu einer Zeit,   als diese Mitgliedschaft noch ein echtes   persönliches Risiko bedeutete.

 

  Die österreichische Regierung unter   Bundeskanzler Engelbert Dolfuß verfolgte   die Nationalsozialisten mit zunehmender   Härte. Die Partei wurde 1933   offiziell verboten, was ihre Aktivitäten   in den Untergrund zwang.   Wer damals seine Loyalität zur NSDAP   bekundete, riskierte Verhaftung,   Berufsverbot und gesellschaftliche   Ausgrenzung.

 

  Doch gerade diese Gefahr schien Männer   wie kalten Brunner anzuziehen. Sie sahen   sich als Kämpfer gegen ein System, das   sie als schwach und illegitim   betrachteten.   Ein Jahr später, 1931,   trat Kaltenbrunner der Schutzstaffel der   SS bei. Zu diesem Zeitpunkt war die SS   in Österreich noch eine kleine, aber   wachsende Organisation, die ihre   Strukturen parallel zur deutschen SS   unter Heinrich Himler aufbaute.

 

  Himler hatte bereits begonnen, die SS   von einer Schutztruppe Hitlers zu einem   ideologisch elitären   Herrschaftsinstrument zu transformieren   und suchte in ganz Großdeutschland nach   loyalen, disziplinierten und ideologisch   gefestigten Männern.   Kaltenbrunner erfüllte diese Kriterien.   Was ihn hervorhob, war weniger der   Glaube als vielmehr, daß er ein Umsetzer   war, der bereit war, Risiken einzugehen.

 

  Physisch fiel er sofort auf. Mit seiner   Körpergröße von 2 m überragte er die   meisten seiner Kameraden. Sein Gesicht   war von einer markanten Schmißnabe   gezeichnet. Das Ergebnis der   studentischen Mensur, des traditionellen   Fechtkampfes deutscher   Studentenverbindungen.   Diese Narbe wurde zu seinem   Erkennungsmerkmal,   ein sichtbares Symbol seiner   Verbundenheit mit der deutschnationalen   Tradition.

 

  Doch wichtiger als sein Aussehen war   seine Bereitschaft, Risiken einzugehen,   klandestine Zellen zu organisieren und   Disziplin innerhalb der illegalen   Bewegung durchzusetzen.   Kaltenbrunners Rolle in dieser Zeit war   weniger durch ideologischen Fanatismus   als durch organisatorische Disziplin   definiert.

 

  Anfang der 1930er Jahre arbeitete   Kaltenbrunner eng mit der Führung der   österreichischen SS zusammen.   Er knüpfte Verbindungen zu Theodor   Habicht, dem Landesleiter der   österreichischen NSDP und anderen   hochrangigen Aktivisten.   Die österreichische Regierung reagierte   mit periodischen Rattien und   Verhaftungswellen auf Naziaktivitäten.

 

  Kaltenbrunner wurde mehrmals verhaftet.   Diese Verhaftungen waren nicht nur   Formalitäten, sie bedeuteten Verhöre,   Durchsuchungen und die ständige Drohung   längerer Haftstrafen.   Der 25. Juli 1934   markierte einen Wendepunkt in der   Geschichte der österreichischen   Nationalsozialisten.   An diesem Tag unternahmen SS und S   Männer einen bewaffneten Putschversuch   gegen die Regierung Dolfuß.

 

  Der Putschversuch scheiterte blutig.   Bundeskanzler Dolfuß wurde getötet, aber   die Putschisten konnten die Macht nicht   übernehmen.   Die Folgen waren verheerend für die   Bewegung.   Massenverhaftungen, Hinrichtungen der   Hauptakteure und eine noch härtere   Unterdrückung aller Naziaktivitäten.   Einige Historiker interpretieren diesen   Prozess als einen Moment der   Radikalisierung.

 

  Kaltenbrunner wurde auch nach dem   Putschversuch verhaftet und verhört.   Obwohl seine direkte Beteiligung am   Putsch nicht eindeutig nachgewiesen   werden konnte, galt er als gefährlicher   Aktivist. Januar 1935   wurde er wegen illegaler politischer   Aktivitäten zu mehreren Monaten haft   verurteilt.   Für viele wäre diese Erfahrung   abschreckend gewesen.

 

 Für Kaltenbrunner   war es das Gegenteil.   Die Haft stärkte seinen Glauben und   seinen Status innerhalb der verbotenen   Bewegung. Er wurde nun als jemand   angesehen, der bereit war für die Sache   zu leiden.   Historiker argumentieren, dass diese   Erfahrung ihn zu einem vorsichtigeren   und bürokratischeren Akteur machte.   Die Jahre zwischen 1935 und 1938   waren für die österreichischen   Nationalsozialisten eine Zeit des   Wartens und der Vorbereitung.

 

  Die Bewegung blieb verboten,   reorganisierte sich aber im Untergrund.   Unterstützung kam aus Deutschland, wo   Hitler bereits die Macht fest in der   Hand hielt. Die österreichische   Regierung zunächst unter Kurtschussnig,   versuchte die Unabhängigkeit des Landes   zu wahren, doch der Druck aus Berlin   nahm stetig zu.

 

  Dann kam der März 1938.   Der Anschluss Österreichs an das   Deutsche Reich vollzog sich innerhalb   weniger Tage.   Deutsche Truppen marschierten ein und   die österreichische Regierung   kapitulierte ohne nennenswerten   Widerstand.   Für Männer wie Kaltenbrunner bedeutete   dies den plötzlichen Übergang von der   Illegalität zur Macht.

 

 Was gestern noch   verboten war, wurde über Nacht zur   Staatspolitik.   Kaltenbrunner wechselte sofort in   offizielle Machtposition.   Er wurde in Wien zum Staatssekretär für   öffentliche Sicherheit ernannt, eine   Schlüsselposition, die ihm Kontrolle   über die Polizeiorganisation und die   Sicherheitsdienste gab. Gleichzeitig   erhielt er den Titel des höheren SS und   Polizeiführers für Österreich, was ihn   direkt an Himmlers expandierendes   Sicherheitsimperium band.

 

  Von Wien aus koordinierte er   Polizeidirektiven, Geheimdienstberichte   und die Zusammenarbeit mit deutschen   Behörden.   An diesem Punkt begann für Kaltenbrunner   die Ideologie der Verwaltung zu weichen.   Die Integration Österreichs in das Reich   war nicht nur ein   administrative Angelegenheit,   sie bedeutete die systematische   Gleichschaltung aller staatlichen   Strukturen, die Verfolgung politischer   Gegner und die Durchsetzung der   Nürnberger Rassengesetze.

 

  Kaltenbrunner spielte in diesem Prozess   eine zentrale Rolle. Er organisierte die   ersten Verhaftungswellen, überwachte die   Einrichtung von Gestapo Büros in   österreichischen Städten und sorgte   dafür, dass der Sicherheitsapparat   nahtlos unter deutsche Kontrolle   überging.   Während sich sein Zuständigkeitsbereich   ausdehnte, mag sein persönlicher   Handlungsspielraum nicht so stark   gewachsen sein, wie man annehmen könnte.

 

  Bis   hatte Kaltenbrunner den Rang eines SS   Brigadeführers erreicht, einen hohen   Offiziersrang, der ihn in die Elite der   SS-Führung einreite.   Seine Verantwortlichkeiten erweiterten   sich in den ersten Kriegsjahren   kontinuierlich. Er erwarb sich den Ruf   als harter Verwalter, der Befehle   präzise befolgte und dasselbe von   anderen erwartete.

 

  Die Personalakten der SS heben seine   organisatorische Disziplin und   ideologische Zuverlässigkeit hervor.   Eigenschaften, die Himmler in spitzen   Positionen bevorzugte.   Kaltenbruners Aufstieg war nicht   unvermeidlich, aber er war stetig. Sein   Netzwerk innerhalb der österreichischen   SS, seine bewährte Loyalität und seine   Rolle in den Jahren der Illegalität   positionierten ihn für eine der   mächtigsten Positionen im Dritten Reich.

 

  Doch 1939 konnte niemand vorhersehen,   dass dieser österreichische Jurist eines   Tages die gesamte Sicherheitsmaschine   des Reiches befehligen würde. Die Chance   kam mit dem Tod.   Am vi Juni 1942   verübten tschechische Widerstandskämpfer   in Prag ein Attentat auf Reinhard   Heidrich, Chef des   Reichsicherheitshauptamtes   und einer der mächtigsten Männer des   NS-Rimes.

 

  Heidrich, oft als schlechter von Prag   bezeichnet, galt als brillanter   gewissenloser Organisator von Terror und   Massenmord.   Das Attentat war erfolgreich. Heidrich   starb am 4. Juni 1942 an seinen   Verletzungen. Sein Tod hinterließ ein   Machtvakuum an der Spitze des   Sicherheitsimperiums des Reiches.   Das Reichsicherheitshauptamt,   kurz RSHA, war das Nervenzentrum des   gesamten Unterdrückungsapparates.

 

  Gestapo, Kriminalpolizei,   Sicherheitsdienst.   Alles lief hier zusammen.   Heidrich hatte diese Organisation   aufgebaut, perfektioniert und mit   eiserner Faust geführt.   Wer würde sein Nachfolger werden?   Monate vergingen, ohne dass Himmler eine   Entscheidung traf. In SS-Kreisen häuften   sich die Spekulationen.

 

  Einige dachten, Himmler wolle die   Position selbst übernehmen. Andere   dachten an etablierte Figuren wie den   Gestapo Chef Heinrich Müller oder den   Chef der Auslandsspionage Walter   Schellenberg.   Doch im Januar 1943   fiel Himmlers Wahl auf einen Mann, den   viele unterschätzten.   Ernst Kaltenbrunner.   Die Ernennung war überraschend, aber   nicht unlogisch.

 

  Kaltenbrunner war loyal, diszipliniert   und hatte keine eigene Machtbasis in   Berlin, die für Himmler gefährlich   werden könnte. Er war kein Visionär,   sondern ein Umsetzer, ein Mann, der   Befehle ausführte, ohne zu hinterfragen.   Genau das, was Himmler brauchte. Diese   Ernennung war das Ergebnis einer Suche   nach Balance eher als nach Macht.

 

  Himlers Präferenz fiel auf einen   kontrollierbaren Verwalter, statt auf   einen Visionär.   Am 30. Januar 1943,   am Jahrestag von Hitlers Machtübernahme,   übernahm Kaltenbrunner offiziell die   Führung des RSHA.   Er trat in eine Position ein, die von   zwei mächtigen Vorgängern geprägt worden   war.

 

 Reinhard Heidrich und Heinrich   Himmler selbst. Heidrich hatte das RSHA   in ein zentrales Sicherheitsimperium   verwandelt, das Gestapo Kriminalpolizei   und Sicherheitsdienst in einer   Organisation vereinte.   Das RSHA war gewaltig. Es verwaltete   innere Spionage, äußere Spionage, innere   Polizeiarbeit und die Koordination von   Sicherheitsoperationen im Zusammenhang   mit Lagern.

 

  Als neuer Chef beaufsichtigte   Kaltenbrunner Schlüssselfiguren, die   bereits tief in der Institution   verwurzelt, waren Heinrich Müller, der   die Gestapo leitete und Walter   Schellenberg, der die Auslandsspionage   leitete.   Brunners Rolle bestand weniger darin,   neue Strukturen zu entwerfen, als viel   mehr Kontrolle auszuüben, Direktiven zu   erlassen und die Organisation am Laufen   zu halten, während sich der Krieg gegen   Deutschland wendete.

 

  Die Machtbalancen innerhalb des RSHA   wurden eher durch persönliche   Einflussbereiche als durch die formale   Hierarchie geprägt.   Die Deutsche Wehrmacht hatte in   Stalingrad eine verheerende Niederlage   erlitten. Die Alliierten bombardierten   deutsche Städte. Die militärische   Initiative hatte sich unumkehrbar   verschoben.

 

  In dieser Situation brauchte das Regime   einen Mann, der den Sicherheitsapparat   zusammenhielt. Und genau das tat   Kaltenbrunner.   Seine Beziehung zu Himler war für diese   Rolle von zentraler Bedeutung.   Himler schätzte Untergebene, die Befehle   präzise befolgten und interne   Machtkämpfe vermieden.

 

 Kaltenbrunner paf   in dieses Profil.   Archivierte Korrespondenz zeigt, dass   Himler ihm zunehmend Angelegenheiten der   inneren Sicherheit übertrug.   Der RSHA Chef behandelte wichtige   politische Kommunikationen von   Vergeltungsdirektiven bis zu   Verhöranweisungen.   Seine Unterschrift erscheint durchgängig   in RSHA Akten, obwohl er später in   Nürnberg behauptete, seine Rolle sei   rein juristischer Natur gewesen.

 

  Diese Situation wirft die Frage auf, ob   Kaltenbrunner ein absoluter Kommandant   oder ein Koordinator war.   Obwohl er offiziell an Himmler   berichtete, hatte Kaltenbrunner mehr   Einfluss, als sein Titel andeutete.   Deklassifizierte Berichte aus den   letzten Kriegsmonaten zeigen sogar, dass   Himler vorsichtig war, ihn zu   konfrontieren.

 

  Als Himler im April 1945 gebeten wurde,   sich mit schwedischen Delegierten zu   treffen, soll er zu Walter Schellenberg   gesagt haben: “Wie soll ich das tun,   solange Kaltenbrunner in der Nähe ist?”   Schellenberg selbst betrachtete   Kitenbrunner als einen seiner   gefährlichsten Feinde.   Bei der Untersuchung des   Attentatsversuchs auf Hitler am 20.

 

 Juli   1944   umging Kaltenbrunner häufig Himmler, um   direkt an Hitler zu berichten.   In den letzten Kriegsmonaten verbrachte   er lange Stunden mit dem Führer, ein   Zugang, den nur wenige hatten.   Diese Nähe zu Hitler gab ihm eine   Position, die über seine offizielle   Stellung im RSHA hinausging.   Innerhalb des RSHA waren Kaltenbrunners   Interaktionen mit Heinrich Müller   besonders bedeutsam.

 

  Müller verfügte über tiefes   institutionelles Wissen und   kontrollierte die meisten Operationen   der Sicherheitspolizei vor Ort.   Einige Historiker diskutieren, ob   Kaltenbrunner tatsächlich Müller   befehligte oder ob Müller ein gewisses   Maß an Autonomie bewahrte, das unter   Heidrich etabliert worden war.   Zu Beginn von Kaltenbrunners Amtszeit   verschaffte Müllers Erfahrung ihm   erheblichen Einfluss.

 

 Doch als Himmler   19445   Kaltenbrunner mehr vertraute, verschob   sich das Gleichgewicht.   Kaltenbrunner leitete Besprechungen,   erließ Direktiven und prägte zunehmend   die Sicherheitsagenda.   Einigen Kommentaren zufolge war diese   Periode der Höhepunkt seiner wahren   Macht.   Die Ausrandspionage war ein weiterer   Bereich unter seiner Aufsicht.

 

 Weiter   Schellenberg, Chef des   Auslandsnachrichtendienstes der SS Amt 6   präsentierte sich häufig als unabhängig.   Doch RSHA Akten zeigen, dass   Kaltenbrunner größere Initiativen   überprüfte und genehmigte.   Die Beziehungen wurden zunehmend   wichtiger, als das Regime in den späten   Kriegsjahren nach diplomatischer   Hebelwirkung und Hintertürkontakten   suchte.

 

  Der Wendepunkt kam 1944.   Nach dem gescheiterten Attentat vom 20.   Juli wurden die Sicherheitskontrollen im   gesamten Reich verschärft.   Kaltenbrunner spielte eine   Schlüsselrolle bei der Koordinierung der   Reaktion. Ermittlungen, Verhaftungen und   Hinrichtungen wurden über das RSHA   geleitet.   Als Himmler begann seine Aufmerksamkeit   zwischen zusammenbrechenden Fronten und   separaten Verhandlungsversuchen zu   teilen, vertiefte sich die   administrative Aufsicht.

 

  In dieser Atmosphäre wurde Kaltenbrunner   zu einem der mächtigsten Männer Berlins,   verantwortlich für die Verwaltung der   inneren Maschinerie eines   zusammenbrechenden Staates.   Einer anderen Perspektive zufolge war   diese Macht nichts anderes als der   letzte Reflex eines zusammenbrechenden   Systems.   Doch als sich die militärische Lage   verschlechterte, begann selbst die   Reichweite des RSHA zu fragmentieren.

 

  Und Kaltenbrunner bereitete sich auf   eine andere Art von Krieg vor, den Kampf   ums Überleben.   Bis Januar 1945   beaufsichtigte Kaltenbrunner ein RSHA,   das derselben Krise ausgesetzt war wie   der Rest von Hitlers Reich.   Die Frontlinien brachen zusammen,   Kommunikationsnetze   überlastet und die Ministerien in Berlin   arbeiteten unter ständigem Druck.

 

  Dennoch fuhr Kaltenbrunner fort,   Direktiven zu Sicherheit, Verhören und   Evakuierungen zu erlassen. Seine   Position blieb bedeutsam, selbst als das   System um ihn herum schwächer wurde. Für   die Alliierten war er immer noch eine   der wichtigsten Figuren, die sie zu   fangen hofften. Geheimdienstberichte   listeten ihn unter den höchsten   Prioritäten für die Gefangenname auf.

 

  Sein Name stand auf Listen neben Göring,   Bormann und anderen Naziführern, die für   die Verbrechen des Regimes zur   Rechenschaft gezogen werden sollten.   Als sowjetische Truppen anfang 1945 auf   Berlin vorrückten, teilte Kaltenbrunner   seine Zeit zunehmend zwischen der   Hauptstadt und Orten in Süddeutschland   und Österreich auf.

 

  RSHA Akten zeigen, daß er bis März   Besprechungen in der Prinzenstraße in   Berlin abhielt, aber auch nach München,   Salzburg und schließlich in die   Alpenregion reiste, wo einige   hochrangige Beamte glaubten, eine letzte   Verteidigungszone,   die sogenannte Alpenfestung errichten zu   können.

 

 Die Idee war nicht realistisch,   beeinflusste aber die Bewegungen einiger   SS und Naziführer.   Alliierte Geheimdienste nahmen die   Möglichkeit einer Alpenfestung ernst und   lenken Ressourcen in diese Region, um zu   verhindern, dass Naziführer sich dort   verschanzten.   Bis April 1945   war Kaltenbrunner nach Altaussee   gezogen, einer abgelegenen Region in den   österreichischen Alpen.

 

  Ein deklassifizierter CIA Bericht vom   22. September 1993   mit dem Titel Kaltenbrunners letzte Tage   rekonstruiert seine Bewegungen während   dieser letzten Wochen. Er beschreibt ein   Muster des Wechsels zwischen Berghütten,   des Vertrauens auf loyale SSO   und der Versuche Einfluss zu bewahren,   während das Reich zusammenbrach.

 

  Von Altausee aus fuhr er fort,   Nachrichten an verbliebene RSHA   Einheiten zu senden und Anweisungen zu   Sicherheits und Geheimdienstoperationen   zu geben.   Einige Quellen behaupten, er habe   versucht, sich als Figur zu   positionieren, die mit westlichen   Streitkräften verhandeln könnte, aber   Historiker bezweifeln, wie ernst oder   realistisch diese Bemühungen waren.

 

  Am 8. Mai 1945   kapitulierte Deutschland.   Kaltenbrunner versteckte sich noch in   der Region Altaussee. Vier Tage später,   am 12. Mai rückten Agenten des US   Counter Intelligence Course CIC vor. Auf   Informationen von Einheimischen und   abgefangenen Nachrichten hin   durchsuchten sie eine Gruppe von   Alpenhütten.

 

 In einer Hütte fanden sie   Kaltenbrunner unter einer Gruppe von   SSOizieren und medizinischem Personal.   Er behauptete, Arzt zu sein und gab   einen falschen Namen an, um der   Identifizierung zu entgehen. Die   Täuschung hielt nicht lange. Als die   Gefangenen zurück in die Stadt gebracht   wurden, erkannten ihn zwei Frauen, seine   letzte Geliebte Gräfin Giesela von   Westarb und Iris Schitler, die Frau   seines Adjutanten.

 

  Beide sollen die Männer gerufen und   umarmt haben. Dieser Moment enthühte   seine Identität.   Amerikanische Truppen verhafteten ihn   sofort. Innerhalb von Stunden wurde er   in ein Verhörzentrum gebracht. Die   Verhaftung in Althaussee beendete seine   Freiheit, aber das letzte Kapitel würde   sich nicht in den Alpen abspielen,   sondern in einem Gerichtssaal, der   gebaut wurde, um die Wahrheit hinter dem   Regime aufzudecken, dass er   mitkommandiert hatte.

 

  Als Ernst Kaltenbrunner Ende 1945 in   Nürnberg ankam, stag er unter den   Angeklagten hervor.   Mit seinen zweimern Körpergröße,   abgemagert durch die Monate auf der   Flucht und gezeichnet von einer tiefen   Schmißnabe war er der ranghöchste   SS-beamte auf der Anklagebank.   Medizinische Untersuchungen stellten   hohen Blutdruck und wiederkehrende   Kopfschmerzen fest, aber erschien   geistig scharf und vorbereitet.

 

  Von den ersten Verhören an legte er eine   klare Strategie fest, operative   Verantwortung abzustreiten und die   Schuld nach oben auf Himmler und nach   unten auf seine Untergebenen zu   verschieben.   Die Verteidigung vor Gericht stützte   sich eher auf strukturelle Unklarheiten   als auf individuelle Handlungen.

 

  Die Dokumente stellten jedoch in Frage,   wie gültig diese Unklarheit in der   Praxis war.   Kaltenbrunner behauptete, er habe als   Rechtsberater mit begrenzter Autorität   über Sicherheitsoperationen gedient.   Seiner Darstellung zufolge wurde das   gewaltige System des RSHA, das Gestapo   Kripo und SD umfasste, von Heinrich   Müller und anderen ohne seine direkte   Beteiligung geleitet.

 

  Er bestand darauf, daß er keine   Kontrolle über Lagerangelegenheiten   hatte, keine Verhöre beaufsichtigte und   keine Schlüsselbefehle erteilte.   Doch die Ankläger begannen, diese   Aussagen mit Dokumenten aus den RSHA   Archiven zu konfrontieren, von denen   viele seine Unterschrift oder sein Para   trugen.

 

 Diese enthielten Direktiven zu   Vergeltungsmaßnahmen,   Gefangenenklassifizierungen   und Koordination zwischen Geheimdienst   und Polizeiabteilungen.   Zeugenaussagen widersprachen ihm   ebenfalls.   Ihremalige RSHA Offiziere berichteten   von Besprechungen unter Kaltenbrunners   Vorsitz, bei denen Entscheidungen über   innere Sicherheit diskutiert wurden.

 

  Weiter Schellenberg, Chef der   Auslandsspionage,   sagte über Kaltenbrunners Beteiligung an   politischen Manövern am Kriegsende aus.   Lagerbeamte erklärten, dass sie   Mitteilungen von RSHA Büros unter seiner   Autorität erhielten.   Während einige Details umstritten   blieben, insbesondere wie viel Autonomie   Müller bewahrte, zeigten die   Archivbeweise, dass Kaltenbrunner   erhebliche administrative Macht ausübte.

 

  Ein Artikel der New York Times vom   Januar 1946   fügte eine weitere Dimension hinzu.   Er berichtete von einem Augenzeugen, der   Kaltenbrunner an einen Ort stellte, an   dem Hinrichtungen stattfanden.   Die Verteidigung argumentierte, die   Aussage sei unzuverlässig und er sei als   rechtlicher Beobachter anwesend gewesen.

 

  Die Ankläger entgegneten, seine   Anwesenheit spiegelte direkte   Beteiligung an Sicherheitsoperationen   wieder.   Während des gesamten Prozesses   behauptete Kaltenbrunner, er habe   versucht, die extremeren Handlungen, die   von Himmler befohlen wurden, zu bremsen.   Diese Behauptungen wurden anhand von   RSHA Dokumenten und abgefangener   Kommunikation geprüft.

 

  Das Gericht kam zu dem Schluss, daß er   keine signifikante Opposition gegen die   unter dem RSHA durchgeführten Politiken   gezeigt hatte.   Kreuzverhöre enthöhten weitere   Widersprüche.   Als Kaltenbrünner mit von ihm   unterzeichneten Berichten konfrontiert   wurde, argumentierte er, er habe   Dokumente unterschrieben, ohne sie zu   lesen.

 

 Oder andere hätten in seinem   Namen unterschrieben.   Die Ankläger wiesen darauf hin, dass   einige dieser Berichte handschriftliche   Notizen in seiner Handschrift   enthielten.   In einer Diskussion forderte das Gericht   ihn auf zu erklären, warum seine   administrative Rolle in den Dokumenten   so umfassend erschien, in seiner Aussage   jedoch so begrenzt.

 

  Seine Antworten waren häufig ausweichend   und spiegelten die Schwierigkeit wieder,   eine Verteidigung aufrecht zu erhalten,   die ihn von einer Organisation trennte,   die er offiziell leitete.   Am 1. Oktober 1946   verkündete das Gericht sein Urteil.   Kaltenbrunner wurde der Kriegsverbrechen   und Verbrechen gegen die Menschlichkeit   schuldig befunden.

 

 Für die RSHA Führung   und Sicherheitspolitik.   Zwölf Tage später in den frühen   Morgenstunden des. Oktober wurde er im   Nürnberger Gefängnis hingerichtet.   Seine Leiche wurde zusammen mit den   Leichen anderer hingerichteter   Angeklagter zum Ostfriedhof in München   gebracht. Dort wurde er eingeächert und   seine Asche wurde in die Isa gestreut,   um sicherzustellen, dass kein Grab   jemals zu einem Treffpunkt werden   konnte.

 

  Kaltenbrunners Pfeil markierte das Ende   eines der mächtigsten   Sicherheitsnetzwerke des Reiches. Um zu   sehen, wie die Männer um ihn herum   dieselbe Welt prägten, entdecken Sie   unsere Videos über Heinrich Müller und   Walter Schellenberg. Zwei Figuren, deren   Wege die internen Kriege des   Geheimdienstsystems des Regimes   enthüllen.

 

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