Hugo Sperrle Der Feldmarschall, den Nürnberg freisprechen musste

 

Er befehligte die Legion Condor in   Spanien, führte die Luftflotte 3 durch   den Westfeldzug und wurde   Generalfeldmarschall.   Doch während andere Generäle in Nürnberg   verurteilt wurden, verließ Hugo Sperle   den Gerichtssal als freier Mann. Wie   gelang es einem der ranghöchsten   Luftwaffenkommande des Dritten Reiches   der Gerechtigkeit zu entgehen?   Hugo Sperle kam am 7.

 

 Februar 1885 in   Ludwigsburg zur Welt. Sein Vater   Johannes besaß eine Brauerei. Die   Familie gehörte zum Würtemberbergischen   Bürgertum. Für den jungen Hugo bedeutete   eine Militärkarriere, Stabilität und   gesellschaftlichen Aufstieg.   Das Kaiserreich bot ehrgeizigen jungen   Männern aus dem Bürgertum eine klare   Perspektive.

 

  Der Offiziersstand versprach Ansehen. Er   garantierte eine sichere Zukunft.   Die Familie Sperle teilte diese Werte.   Am 5. Juli 1903   er mit 18 Jahren als Fahnenjunker in die   königlichwürtemberbergische Armee ein.   Seine Ausbildung folgte den strengen   Prinzipien der Wilhelemminischen   Militärtradition.   Disziplin, Gehorsam und taktisches   Denken prägten diese Jahre.

 

 Bis 1912   hatte Sperle den Rang eines Leutnands   erreicht. Ein Jahr später folgte die   Beförderung zum Oberleutnant.   Seine Karriere verlief nach Plan. Nichts   deutete darauf hin, daß dieser junge   Artillerieoffizier einmal zu den   mächtigsten Luftwaffenkommandeuren   aufsteigen würde. Der Ausbruch des   Ersten Weltkriegs im August 1914   beschleunigte seinen Aufstieg. Am 28.

 

  November 1914 wurde er zum Hauptmann   ernannt. Seine erste Verwendung fand er   bei der Artillerie. Die Beförderung kam   früher als in Friedenszeiten üblich.   Sperle führte Batterien an der   Westfront. Die Schützengräben prägten   diese Jahre. Artillerie beherrschte das   Schlachtfeld. Millionen Granaten   verwandelten Flandern und Nordfrankreich   in Mondlandschaften.

 

  In diesem Inferno sammelte Sperle seine   ersten Kampferfahrungen.   Die Artillerie war die Königin des   Schlachtfelds, doch ihre Wirkung hing   von präziser Aufklärung ab. Hier lag die   Schwäche. Erdgebundene Beobachter sahen   nicht weit genug.   Die Front erstreckte sich über hunderte   Kilometer, doch Sperls Karriere nahm   bald eine entscheidende Wendung.

 

 Das   deutsche Militär weitete seine   Luftaufklärung aus. Flugzeuge dienten   zwar Feindbeobachtung und   Artillerieoordinierung.   Diese neue Dimension des Krieges   faszinierte viele Offiziere. Sperle   gehörte zu ihnen. Er erkannte das   Potenzial der Luftwaffe früh. Die   Vogelperspektive eröffnete taktische   Möglichkeiten, die am Boden unmöglich   waren.

 

 Sperle wechselte zu den   Luftstreitkräften. Zunächst flog er als   Beobachter. Später wurde er Selbstpilot.   Der Übergang von der Artillerie zur   Luftfahrt war ungewöhnlich. Viele   Offiziere betrachteten Flugzeuge als   Spielerei. Sperle dachte anders. Er sah   die Zukunft der Kriegsführung.   Bis 1917 kommandierte Sperle eine   Aufklärungsstaffel.

 

  Seine Einheit fotografierte feindliche   Stellungen, leitete Artilleriefeuer und   beobachtete Truppenbewegungen.   Diese Missionen waren gefährlich. Anders   als die glamurösen Jagdflieger   operierten Aufklärlichem Gebiet.   Bodenfeuer und Abfangjäger bedrohten   jeden Flug. Die Überlebenschancen waren   gering.

 

 Doch Sperle beherrschte nicht   nur das Fliegen. Er verstand   Organisation und Logistik. Seine   Aufklärungseinheit arbeitete effizient.   Die Zusammenarbeit mit der Artillerie   funktionierte reibungslos.   Sperles organisatorisches Talent fiel   seinen Vorgesetzten auf. Bei Kriegsende   hatte er sich als Fliegeroffizier   etabliert.

 

 Die Niederlage im November   1918 traf Deutschland hart. Vier Jahre   Krieg hatten das Kaiserreich erschöpft.   Die Revolution fegte die Monarchie   hinweg. Was folgte, war Chaos und   Demütigung.   Trieb Kalkül oder Zufall? Sperles Weg in   die Luftstreitkräfte und hätte ein   anderer Pfad sein Schicksal verändert.   Deutschlands Niederlage und der Vertrag   von Versailles stellten das Militär vor   harte Einschränkungen.

 

 Die Reichswehr   durfte nur noch 100.000 Mann umfassen.   Militärische Luftfahrt wurde offiziell   verboten. Deutschland sollte nie wieder   eine Bedrohung werden. Die Alliierten   fürchteten besonders die deutsche   Luftwaffe.   Alle Militärflugzeuge mussten zerstört   werden. Flugzeugfabriken wurden   geschlossen.

 

 Pilotenausbildung war   illegal.   Die Luftstreitkräfte des Kaiserreichs   hörten auf zu existieren. Dennoch blieb   Sperle in Uniform.   Wie viele engagierte Offiziere wartete   er auf bessere Zeiten. Im Geheimen   studierten deutsche Militärs   Luftkriegsführung.   Getarte Programme und Kooperationen mit   anderen Staaten hielten das Wissen am   Leben.

 

 Einige deutsche Piloten   trainierten heimlich in der Sowjetunion.   Andere arbeiteten als zivile Fluglehrer.   Theoretische Studien über Luftkrieg   fanden in versteckten Büros statt. Die   Reichswehr vergaß die Luftwaffe nicht.   Die 1920er und frühen 1930er Jahre   forderten Geduld. Versaill hatte   Deutschland militärisch gefesselt.   Offizielle Luftstreitkräfte existierten   nicht.

 

 Doch im Generalstab der   Reichswehr planten Offiziere wie Sperle   theoretisch. Sie warteten auf den Moment   der Wiederaufrüstung.   Sperle arbeitete in dieser Zeit im   Verborgenen.   Er studierte ausländische Luftdoktrinen.   Er analysierte den Luftkrieg des Ersten   Weltkriegs. Er entwickelte theoretische   Konzepte für künftige Operationen.

 

  Diese Jahre waren frustrierend, aber   notwendig.   Dieser Moment kam33.   Adolf Hitler übernahm die Macht.   Schnell kündigte er die Wiederbewaffnung   an. Die Fesseln von Versailles sollten   gesprengt werden. Deutschland würde   wieder eine Großmacht werden. Sperles   lange Jahre der Stabsarbeit zahlten sich   plötzlich aus.

 

 1934   wurde er zum Generalmajor befördert. Er   wechselte zur neu gegründeten Luftwaffe.   Mit9 Jahren gehörte Sperle zu einer   Generation von Offizieren, die   Deutschlands verbotene Luftstreitkräfte   in eine moderne Streitmacht verwandeln   sollten. Die Luftwaffe entstand   praktisch aus dem Nichts. Binnen weniger   Jahre mussten Flugzeuge gebaut, Piloten   ausgebildet und Doktrinen entwickelt   werden.

 

  Männer wie Sperle brachten die Erfahrung   aus dem Ersten Weltkrieg mit. Sie   kombinierten sie mit modernen Konzepten.   Hermann Göring führte die Luftwaffe   offiziell, doch die eigentliche Arbeit   leisteten Männer wie Sperle, Kesselring   und Milch. Sie schufen eine Streitmacht,   die Europa bald in Angst versetzen   würde.

 

 Innerhalb weniger Jahre würde   Sperle eine der umstrittensten Missionen   seiner Karriere leiten.   Im November 1936   er nannte das Oberkommando Sperle zum   Befehlshaber der Legion Condor. Diese   deutsche Expeditionstruppe sollte   General Franzisco Franco im spanischen   Bürgerkrieg unterstützen.   Spanien war gespalten. Republikaner   kämpften gegen Nationalisten.

 

  Beide Seiten suchten ausländische Hilfe.   Die Sowjetunion unterstützte die   Republikaner. Deutschland und Italien   halfen Franco. Offiziell half   Deutschland einer befreundeten rechten   Bewegung. Hitler sah in Franco einen   ideologischen Verbündeten. Inoffiziell   diente Spanien als Testgelände für neue   Flugzeuge und Taktiken.

 

 Die Legion   Condor bot die perfekte Gelegenheit für   Experimente.   Deutschland schickte moderne Bomber und   Jäger. Piloten sammelten Kampferfahrung.   Taktiken wurden unter realen Bedingungen   erprobt. Was funktionierte, floss in die   Doktrin ein. Was scheiterte, wurde   verworfen.   Die Bombardierungskampagnen der Legion   Condor schockierten die Welt.

 

 Der   Angriff auf Gernika am 26. April 1937   erregte besonderes Entsetzen. Gernika   war eine baskische Kleinstadt ohne   militärische Bedeutung. Die Legion   Condor bombardierte den Ort stundenlang.   Die Stadt brannte vollständig nieder.   Hunderte Zivilisten starben. Die genaue   Zahl bleibt umstritten.

 

 Augenzeugen   beschrieben Szenen apokalyptischen   Grauens. Pablo Picassos Gemälde   verlieuen bleibende Symbolkraft.   Das Werk zeigte verzerrte Körper,   schreiende Münder und fragmentierte   Formen. Es wurde zum Symbol für die   Brutalität des modernen Krieges. Sperles   Rolle bleibt bis heute Gegenstand   historischer Kontroversen.

 

  Manche Historiker argumentieren, er habe   den Befehl erteilt. Sie verweisen auf   seine Position als Kommandeur.   Andere weisen darauf hin, dass die   Luftwaffenbefehlsstruktur   oft Initiative auf Einheitsebene   erlaubte.   Offiziere wie Wolfram von Richthofen   besaßen große operative Freiheit.   Richtofen führte die taktischen   Operationen vor Ort.

 

 Er entschied über   Ziele und Zeitpunkte. Die Befehlskette   war komplex und oft unklar.   Was feststeht, Sperle trug die   Gesamtverantwortung für die Mission. Er   verteidigte die Operationen der Legion   als legitime militärische Aktionen. Die   Zerstörung Guanikas wurde zum Symbol   zivilen Leids im modernen Krieg. Sperle   selbst äußerte sich nie öffentlich zu   Guernika.

 

 In seinen wenigen erhaltenen   Aussagen betonte er die militärische   Notwendigkeit der Operation.   Die Stadt sei ein strategischer   Verkehrsknotenpunkt gewesen. Die   Zerstörung habe Franco geholfen. Doch   die internationale Reaktion war   verheerend. Die Bombardierung   erschütterte selbst jene, die Luftkrieg   grundsätzlich als legitim betrachteten.

 

  Die bewusste Zerstörung einer zivilen   Stadt ohne militärische Ziele   überschritt eine Grenze, die bis dahin   als unantastbar galt.   Konnte Sperle Guanika verhindern oder   blieben ihm als Kommandeur die Hände   gebunden durch eine Befehlsstruktur, die   Zerstörung bereits einkalkuliert hatte?   Im Oktober 1937 kehrte Sperle nach   Deutschland zurück.

 

 Er brachte wertvolle   Erfahrungen in Luftbodenkoordinierung   mit. Die in Spanien erlernten Lektionen   beeinflussten die Luftwaffendoktrin der   kommenden Jahre. Die Legion Condor hatte   bewiesen, dass Luftüberlegenheit   Schlachten entscheiden konnte. Sie hatte   gezeigt, wie Bomber Bodentruppen   unterstützen konnten.

 

 Sie hatte auch   demonstriert, dass strategische   Bombardierung Schrecken verbreiten   konnte.   Hitler und seine Befehlshaber sahen   strategische Bombardierung nicht nur als   Kriegswaffe, die begriffen sie als   Instrument der Einschüchterung.   Die Drohung von Luftangriffen konnte   Gegner zum Nachgeben zwingen. Zumindest   glaubte man das.

 

  Im Februar 1938   erhielt Sperle das Kommando über die   Luftwaffengruppenkommando   3. Diese Formation entwickelte sich bald   zur Luftflotte 3. Von dieser Position   aus spielte er eine zentrale Rolle   während des Anschlusses Österreichs.   Im März 1938   marschierte die Wehrmacht in Österreich   ein. Widerstand blieb aus.

 

 Die   österreichische Regierung kapitulierte   ohne Kampf.   Die Luftwaffe war in Alarmbereitschaft.   Sperlise Einheiten standen bereit, jeden   Widerstand zu brechen.   Auch in der Sudetenkrise kam seine   Flotte zum Einsatz. Hitler verlangte die   Abtretung deutschsprachiger Gebiete der   Tschechoslowakei.   Europa stand am Rand des Krieges.

 

  Großbritannien und Frankreich gaben   nach.   Hitler verließ sich auf die Drohung   überwältigender Luftbombardements, um   Gegner unter Druck zu setzen.   Sperles Flotte stand in   Alarmbereitschaft.   Obwohl keine Bomben fielen, prägte die   implizite Bedrohung durch die Luftwaffe   die europäische Diplomatie.   Die Strategie funktionierte vorerst.

 

  Ohne einen Schuss abzugeben, hatte   Deutschland Österreich annektiert und   das Sudetenland gewonnen.   Die Luftwaffe war zum politischen   Instrument geworden.   Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs   gehörte Sperle zu den ranghöchsten   Luftwaffenführern.   Er war ein bewährter Organisator.   Seine Erfahrung umfaßte Stabsarbeit und   Kampfeinsätze.

 

  Anders als jüngere, flamboantere   Luftwaffenoffiziere kultivierte Sperle   einen Ruf für Disziplin und Effizienz.   Mit 54 Jahren gehörte er zur älteren   Generation. Männer wie Albert Kesselring   und Erhard Milch waren seine   Zeitgenossen.   Sie alle hatten im Ersten Weltkrieg   gedient.   Sie alle hatten die Zwischenkriegszeit   durchlebt.

 

  Seine nächste Rolle würde ihn an die   Spitze großer Bombardierungskampagnen   führen. Sie würde ihn denselben   strategischen Schwächen aussetzen, die   Deutschlands gesamten Luftkrieg plagten.   Als der Zweite Weltkrieg im September   1939 begann, befehligte Hugo Sperle die   Luftflotte 3.

 

 Diese deutsche Luftflotte   war für Operationen in Westeuropa   zuständig. Zunächst führten seine   Einheiten begrenzte Angriffe und   Aufklärungsflüge entlang der   französischen Grenze durch.   Der Krieg begann mit dem Überfall auf   Polen. Sperles Luftflotte spielte dabei   keine direkte Rolle. Sie blieb im Westen   stationiert.   Die eigentliche Bewährungsprobe stand   noch bevor.

 

 Monatelang herrschte der   sogenannte Sitzkrieg.   Deutsche und französische Truppen   standen sich an der Grenze gegenüber.   Größere Kampfhandlungen blieben aus.   Diese Phase endete im Mai 1940.   Im Mai 1940 während der Invasion   Frankreichs spielte Sperlesflotte eine   entscheidende Rolle. Die Wehrmacht griff   im Westen an.

 

 Die Strategie war kühn und   riskant.   Panzerdivisionen sollten durch die   Ardennen vorstoßen. Die Ardennen galten   als unpassierbar für schwere Truppen.   Die Franzosen hielten diese Region für   sicher. Sie konzentrierten ihre Kräfte   woanders. Ein fataler Fehler.   Seine Bomber unterstützten die schnellen   Panzervorstöße durch die Arennen.

 

 Sie   griffen französische   Kommunikationslinien an.   Britische Truppen auf dem Rückzug nach   Dünnkirchen gerieten unter Beschuss.   Sperles Luftflotte zerstörte Brücken,   Bahnhöfe und Nachschubkonvois.   Die Luftunterstützung war entscheidend.   Sie verhinderte, dass die Franzosen ihre   Trucken neu gruppierten.

 

 Sie ermöglichte   den deutschen Panzern schnell   vorzustoßen.   Innerhalb weniger Wochen brach   Frankreich zusammen.   Der Erfolg der Kampagne brachte Sperle   höchste Anerkennung. Amun. Juli 194   wurde er zum Generalfeldmarschall   befördert. Mit dieser Beförderung   erreichte er den Gipfel seiner Karriere.   Er stand nun neben Figuren wie Hermann   Göring, Erhard Milch und Albert   Kesselring an der Spitze der   Luftwaffenhierarchie.

 

  Der Feldmarshallstab war das höchste   Symbol militärischer Macht. Nur wenige   Deutsche erreichten diese Ebene. Seine   nächste Herausforderung erwies sich   jedoch als weitaus schwieriger, der   Versuch, Großbritannien in die Knie zu   zwingen. Während der Luftschlacht um   England, im Sommer und Herbst 1940   bildete Luftflotte 3 den nördlichen   Flügel des Luftwaffenangriffs.

 

  Von Stützpunkten in Frankreich aus   zielten Sparletts Einheiten auf Hefen,   Flugplätze und später Städte.   Das ursprüngliche Ziel bestand darin,   die Royal Air Force zu vernichten. Der   Himmel sollte für eine deutsche Invasion   freigemacht werden. Operation Seelöwe   stand bereit.   Doch zunächst mußte die RAF   ausgeschaltet werden.

 

 Die ersten   Angriffe konzentrierten sich auf   britische Flugplätze und Radarstationen.   Die Luftwaffe versuchte, die   Infrastruktur der RAF zu zerstören.   Einige Angriffe waren erfolgreich, doch   die RAF erwies sich als Ca als erwartet.   Britische Jäger starteten von ihren   Basen und stellten sich den Deutschen   Bombern.

 

 Die Spitfires und Hurricanes   waren den deutschen Maschinen   ebenwürtig.   Zudem kämpften die Briten über eigenem   Territorium.   Abgeschossene Piloten konnten wieder   fliegen. Deutsche Piloten gingen   verloren. Doch die Kampagne zog sich   hin. Die Strategie verschob sich. Nach   schweren Verlusten über Flugplätzen   verlagerte die Luftwaffe ihre Angriffe   auf London und andere Städte.

 

 Der Blitz   begann. Ab September 1940 bombardierte   die Luftwaffe systematisch britische   Städte. London erlitt die schlimmsten   Angriffe. Nacht für Nacht fielen Bomben   auf die Hauptstadt. Tausende Zivilisten   starben. Ganze Stadtteile brannten   nieder.   Die Entscheidung auf Städte zu zielen   bleibt umstritten.

 

 Einige Berichte legen   nahe, Sperle habe darauf gedrängt,   weiter Flugplätze anzugreifen.   Er erkannte, dass die Bombardierung von   Städten die RAF nicht schwächte, sondern   lediglich Hass erzeugte. Andere   behaupten, er habe sich Görings Befehlen   ohne Widerspruch angepasst.   Göring wollte schnelle Erfolge. Er   glaubte, daß Terror die Briten zur   Kapitulation zwingen würde.

 

 Sperle hätte   protestieren können, doch er schwieg.   Wäre eine konsequente Fortführung der   Angriffe auf RAFB Basen erfolgreicher   gewesen oder hatte die Luftwaffe bereits   verloren, bevor die Städte brannten?   So oder so, die Bombardierung britischer   Städte 1940 und 1941   erreichte ihr strategisches Ziel nicht.   Die RF hielt durch.

 

 Britische Moral   brach nicht zusammen. Invasionspläne   wurden auf Eis gelegt. Deutschland hatte   die Luftschlacht um England verloren.   Der Blitz endete im Mai 1941.   Hitler verlagerte seinen Fokus nach   Osten. Operation Barbarossa, der   Überfall auf die Sowjetunion, begann am   22. Juni 1941.   Die Luftwaffe brauchte ihre Kräfte im   Osten.

 

 Nachdem Großbritannien standhaft   blieb, wurde Luftflotte 3,   Bombenangriffen und später   Verteidigungsaufgaben entlang der   Atlantikküste zugewiesen. Sperrels   Kommando erstreckte sich von der Biscaya   bis zu den Niederlanden. Die   Atlantikküste wurde zur Festung   ausgebaut. Hitler fürchtete allierte   Invasion. Sperles Luftflotte sollte   jeden Invasionsversuch abwehren, doch   die Aufgabe überforderte die verfügbaren   Kräfte.

 

 Seine Flugzeuge versuchten,   allierte Schiffahrt im Ärmelkanal zu   stören. Später sollten sie die Combined   Bomberoffensive abwehren, die ab 1943   an Intensität zunahm. Die Alliierten   begannen Deutschland systematisch zu   bombardieren. Britische Bomber griffen   nachts an. Amerikanische Bomber flogen   Tageinsätze.   Die deutsche Luftverteidigung kämpfte   verzweifelt.

 

 Zu diesem Zeitpunkt zeigten   sich die Grenzen der Luftwaffe deutlich.   Alliierte Jäger und Bomber erlangten   Luftüberlegenheit.   Deutsche Verluste stiegen dramatisch.   Sperle, inzwischen fast 60, kämpfte   damit, mit den Anforderungen der rund um   die Uh-Luftverteidigung Schritt zu   halten. Die Produktion kam nicht nach.   Piloten fehlten. Treibstoff wurde knapp.

 

  Die Luftwaffe blutete aus.   Sperle konnte nur zusehen, wie seine   Streitmacht zusammenschmolz.   Berichte beschreiben ihn als zunehmend   frustriert. Er war sich bewusst, daß   seine Einheiten unterversorgt und   überlegen waren. Seine Befehle wurden   ignoriert oder konnten nicht ausgeführt   werden.

 

 Die Initiative lag bei den   Alliierten.   Der entscheidende Moment kam im Juni   1944.   Die Alliierten landeten in der   Normandie.   Luftflotte 3, einst ein mächtiger   Angriffsarm, war auf einen Schatten   ihrer früheren Stärke reduziert.   Am 6. Juni 1944   begann die Operation Overlord. Tausende   alliierte Schiffe näherten sich der   normanischen Küste.

 

 Fallschirmjäger   landeten im Hinterland. Die größte   Invasionsflotte der Geschichte hatte   abgelegt.   Sperlits Flotte konnte kaum Einsätze   gegen die Invasionsstreitkräfte fliegen.   Die Alliierten kontrollierten den   Luftraum vollständig.   Deutsche Jäger wurden abgeschossen,   bevor sie die Landungsstrände   erreichten.

 

 Bomber konnten nicht   starten. Seine Unfähigkeit, die   Landungen zu stoppen, markierte den   Zusammenbruch seiner Kriegskarriere.   Zwar lagen die Ursachen in Engpässen   jenseits seiner Kontrolle. Die Luftwaffe   war bereits geschlagen, bevor die   Invasion begann. Dennoch trug er die   Verantwortung.   Im August 1944   wurde er vom Kommando entbunden.

 

 Man   versetzte ihn in die Führerreserve.   Faktisch bedeutete dies seine   Pensionierung vom aktiven Dienst. Mit 59   Jahren endete Splits militärische   Karriere. Die Führerreserve war eine   Parkposition für entlassene Offiziere.   Manche wurden später reaktiviert. Spørle   nicht. Er verbrachte die letzten   Kriegsmonate in Bayern.

 

 Der Krieg raste   seinem Ende entgegen. Am. Mai 1945 ging   Deutschland unter. Hugos Berle wurde von   der britischen Armee gefangen genommen.   Anders als manche hochrangigen   Luftwaffenführer, die flohen oder   getötet wurden, leistete Sperle kaum   Widerstand.   Die letzten Tage des Dritten Reichs   waren chaotisch.

 

 Hitler hatte Selbstmord   begangen. Die Wehrmacht kapitulierte.   Millionen Deutsche waren auf der Flucht.   In diesem Chaos ergab sich Sperle den   Briten. Mit 60 wirkte er wie ein Mann,   dessen Karriere bereits Monate zuvor   geendet hatte. Doch sein Schicksal war   keineswegs entschieden. Die Alliierten   sammelten Beweise, sie bereiteten   Prozesse vor.

 

 Die Alliierten waren   entschlossen, Deutschlands militärische   Führer zur Rechenschaft zu ziehen.   Sperle wurde im Oberkommandoprozess   angeklagt. Dies war einer der z   Nachfolgeprozesse nach den   Hauptverfahren gegen Göring und andere   Spitzenfiguren. Der Hauptprozess in   Nürnberg hatte bereits stattgefunden.   Göring, Keitel, Jodel und andere waren   verurteilt worden.

 

 Nun kamen die zweite   Reihe und die Militärführung an die   Reihe.   Die Anklage vom 28. November 1947   warf ihm vor, Angriffskriege geplant und   geführt zu haben. Zudem wurde ihm   vorgeworfen, die Kriegsgesetze verletzt   und an Verbrechen gegen die   Menschlichkeit teilgenommen zu haben.   Die Anklagepunkte waren umfassend. Sie   reichten von der Planung aggressiver   Kriege bis zur direkten Beteiligung an   Kriegsverbrechen.

 

  Die Strafe bei Verurteilung konnte der   Tod sein. Der Prozess begann am 5.   Februar. 1948   Sperle erschien vor den Richtern neben   anderen hochrangigen Generälen. Wilhelm   von Leb und Wilhelm List standen   ebenfalls vor Gericht. Insgesamt waren   14 Generäle und Admirale angeklagt.   Anders als Göring oder Keitel stand   Sperleoch nicht im absoluten Zentrum der   Nazientscheidungsfindung.

 

  Er war kein Mitglied der obersten   Führung gewesen. Er hatte nicht an   derseekonferenz teilgenommen. Er war ein   Militär. kein Politiker.   Seine Verteidigung argumentierte, er sei   ein professioneller Offizier gewesen. Er   habe Befehle ausgeführt. Er sei nicht   direkt in umfassendere Nazipolitiken   involviert gewesen.

 

 Diese   Verteidigungsstrategie hatten viele   deutsche Offiziere gewählt. Ein Großteil   der Debatte konzentrierte sich auf seine   Rolle in der Legion Condor und die   Bombardierungskampagnen der Luftwaffe.   Die Anklage führte Gernika und den Blitz   als Beweise für vorsätzliche Angriffe   auf Zivilisten an.

 

 Gernika wurde   ausführlich diskutiert. Hatte Sperle den   Befehl gegeben? Wusste er von der   zivilen Natur der Stadt? Hatte er   Einwände erhoben? Die Beweise waren   unklar. Auch der Blitz wurde untersucht.   Die systematische Bombardierung Londons   hatte tausende Zivilisten getötet. War   dies ein Kriegsverbrechen oder legitime   Kriegsführung?   Doch die Richter hatten Schwierigkeiten   klare Beweise zu finden.

 

 Sie konnten   nicht nachweisen, daß Sperle selbst   rechtswidrige Handlungen befohlen hatte.   Befehlsverantwortung war schwer   festzulegen, besonders in der diffusen   Befehlskette der Luftwaffe.   Die Luftwaffe hatte eine komplexe   Kommandostruktur.   Befehle kamen von Göring, vom   Oberkommando der Wehrmacht, manchmal   direkt von Hitler.

 

 Lokale Kommande   hatten oft große Freiheiten. Wer trug   die Verantwortung?   Zudem stellte sich eine heikle Frage:   Wenn Gernika und der Blitz   Kriegsverbrechen waren, was war dann mit   Dresden, Hamburg, Tokio? Die Alliierten   hatten deutsche und japanische Städte   vernichtet. Zehntausende Zivilisten   waren gestorben.   Am Ende kam das Tribunal zu dem Schluss:   Es gab nicht genug Beweise für   kriminelle Absicht.

 

 oder Einfluß auf   Politikebene, um ihn zu verurteilen.   Entkam Sperle aufgrund unzureichender   Beweisführung oder spielten politische   Überlegungen des beginnenden kalten   Krieges die entscheidende Rolle?   Die Gründe für Sperles Freispruch werden   bis heute kontrovers diskutiert.   Lag es an schwachen Beweisen? Die   Anklageschrift hatte Lücken.

 

 Direkte   Befehle Sperles für rechtswidrige   Handlungen fehlten. Lag es an sich   wandelnden rechtlichen Standards? Das   Konzept der Befehlsverantwortung war   neu. Es wurde in Nürnberg erst   entwickelt. Die Rechtsprechung war   unsicher.   Oder lag es am wachsenden kalten Krieg?   1948 hatten sich die Fren verhärtet.

 

 Die   Sowjetunion blockierte Berlin. Der   Westen brauchte deutsche Unterstützung.   Zu harte Urteile gegen Militärs könnten   kontraproduktiv sein. Manche vermuten,   westliche Richter hätten gezögert,   Luftkampagnen zu verurteilen. Die   alliierten Bombenstrategien gegen   deutsche Städte ähnelten. Dresden war   erst drei Jahre her.

 

 Die Wunden waren   frisch.   Die Raff hatte deutsche Städte in Schutt   und Asche gelegt. Hunderttausende   Zivilisten waren gestorben.   Wenn Sperne für den Blitz verurteilt   würde, müssten dann nicht auch Artha und   Curtis Le May vor Gericht?   So oder so. Am 27. und 28. Oktober 1948   sprach das Tribunal Sperle in allen   Anklagepunkten frei.

 

 Das Urteil war   eindeutig. Sperle war ein freier Mann.   Seine rechtlichen Probleme endeten damit   nicht. Wie viele Deutsche durchlief   Sperle ein Entnazifizierungsverfahren.   Im Juni 1949   sprach ihn auch eine Spruchkammer in   München frei. Die Entnaifizierung war   ein komplexer Prozess. Alle Deutschen   mussten ihre Naziervergangenheit   offenlegen.

 

 Je nach Verstrickung wurden   sie in Kategorien eingeteilt.   Hauptschuldige, belastete, minder   belastete, Mitläufer. oder entlastete.   Sperles Einstufung war überraschend   milde. Die Spruchkammer kam zu dem   Schluss, er sei ein Mitläufer gewesen.   Keine Strafen, keine Einschränkungen.   Ohne Verurteilung im Register war er   frei, ins zivile Leben zurückzukehren.

 

  Sperles letzte Jahre verliefen still. Er   schrieb keine Memoiren. Er versuchte   nicht seine Rolle zu verteidigen.   Stattdessen verbrachte er seine Tage in   Bayern. Viele ehemalige Offiziere   veröffentlichten nach dem Krieg ihre   Erinnerungen. Sie rechtfertigten ihre   Taten. Sie beschuldigten Hitler. Sie   porträtierten sich als Opfer.

 Sperle tat   nichts dergleichen. Warum schwieg er?   Hatte er nichts zu sagen? Oder wusste   er, dass jedes Wort ihn belasten könnte?   Wir werden es nie erfahren. Im April   1953   starb er in München. Die Todesursache   ist nicht dokumentiert.   Er wurde 62 Jahre alt. Sein Tod erregte   keine Aufmerksamkeit.   Keine Zeitungen berichteten, keine   Nachrufe erschienen.

 

 Sein Grab wurde   später auf einen Militärfriedhof nah der   Luftwaffenbasis Lechfeld verlegt. Eine   symbolische Rückkehr in die Welt der   Luftfahrt, die sein Leben definiert   hatte.   Der Friedhof beherbergt viele gefallene   Flieger. Für einen Mann, der zum   Feldmarschall aufgestiegen war, verlief   sein Abgang fast unsichtbar.

 

  Nur im Gerichtssaal, nicht auf dem   Schlachtfeld, kehrte sein Name kurz auf   die Bühne der Geschichte zurück.   Hugo Sperles Geschichte zeigt, wie Macht   in Kriegszeiten nicht immer zu   Rechenschaft in Friedenszeiten führt. In   Nürnberg freigesprochen bleibt er einer   der wenigen Luftwaffenfeldmarschelle,   die als freie Männer den Gerichtssaal   verließen.

 

  Dieses Urteil löst bis heute Debatten   über Gerechtigkeit und Verantwortung   aus.   War das Tribunal zu nachsichtig oder   fehlten schlicht die Beweise?   Manche sehen in seinem Fall den Beweis   für die Schwäche der Nachkriegsjustiz.   Sie argumentieren, dass hochrangige   Militärs zu leicht davon kamen, dass   Befehlsverantwortung nicht ernst genug   genommen wurde, dass der kalte Krieg   wichtiger war als Gerechtigkeit.

 

  Andere argumentieren, dass rechtliche   Standards und Beweispflicht eingehalten   wurden, dass ein Prozess Beweise   benötigt, dass Vermutungen nicht   ausreichen,   dass auch ein Feldmarschall das Recht   auf einen fairen Verfahren hat. Die   Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo   dazwischen.

 

 Sperles Freispruch war weder   reiner Justiztum noch völlig   gerechtfertigt.   Er spiegelt die Komplexität wieder, mit   der die Nachkriegsjustiz kämpfte.   Offenbarte Sperles Freispruch die   Gerechtigkeit des Rechtsstaats oder die   Grenzen einer Justiz, die von den   Siegern gestaltet wurde?   Was bleibt, ist die Erinnerung an einen   Mann, der durch die Extreme des 20.

 

  Jahrhunderts navigierte.   Erhob sich aus dem Wilhelminischen   Kaiserreich. Er überlebte den Ersten   Weltkrieg. Er diente dem dritten Reich.   und er entkam der Rechenschaft.   Seine Geschichte erinnert daran, daß   Geschichte selten in klaren Kategorien   von gut und böse geschrieben wird. Sie   wird in Graustufen verfasst, in   Komplexitäten, in unbeantworteten   Fragen.

 

 Die großen Narrative sind   einfach. Hitler war böse, die Alliierten   waren gut. Doch zwischen diesen Polen   existieren tausende von   Grauschattierungen.   Männer wie Sperle bewohnen diese   Zwischenräume. War er ein   Kriegsverbrecher, ein professioneller   Soldat, ein Opportunist, ein Mitläufer?   Vielleicht war er all das. Vielleicht   war er nichts davon.

 

 Die Geschichte gibt   keine eindeutigen Antworten. Wir auf   unbekannte Geschichte WW2 glauben, dass   diese Nuancen genauso wichtig sind wie   die großen Narrative.   Nur wer die Widersprüche versteht, kann   Geschichte wirklich begreifen. Nur wer   die schwierigen Fragen stellt, kommt der   Wahrheit näher. Geschichte ist kein   Märchen mit klaren Helden und Schurken.

 

  Sie ist ein komplexes Geflecht aus   Entscheidungen, Umständen und   Konsequenzen. Sie zu verstehen erfordert   Mühe. Sie zu vereinfachen wäre eine   Beleidigung der Opfer. Wenn ihr sehen   wollt, wie das Schicksal eines anderen   Luftwaffenkommandeurs völlig anders   endete, schaut euch unser Video über   Alexander Lur an, den General, der vor   einem Erschießungskommando in Belgrad   stand.

 

 Zwei Männer, zwei Karrieren, zwei   völlig unterschiedliche Enden. Vergesst   nicht das Video zu liken, zu abonnieren   und die Glocke zu aktivieren, damit ihr   das nächste Kapitel der Geschichte nicht   verpasst. Yeah.

 

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